Beim allmonatlichen Abstauben unserer kleinen Plattensammlung habe ich mir vor kurzem Gedanken darüber gemacht, ob Gestalter Platten eigentlich aus anderen Gesichtspunkten kaufen als „Normalsterbliche“. Um ehrlich zu sein sind mir Plattencover immer sehr wichtig gewesen. Ich finde es toll zu sehen, wie kreativ mit diesem Medium umgegangen wird. Da gibt es die verrücktesten Sachen. Von aufwändigen Collagen, naiven Strichzeichnungen bis hin zu verblüffenden Retuschen.

Deswegen habe ich mir einen befreundeten Designer geschnappt, der gleichzeitig für mich ein richtiger Musikmensch ist: Der Designer Florian Lübke. Florian hat mir schon das ein oder andere Mal aus der „musikalischen Patsche“ geholfen, wenn er mir nach wochenlangem rätseln und vor mir her summen endlich den Song nennen konnte, den ich gesucht habe (einmal habe ich ihm aus Gibraltar sogar über Skype den Song vorgesummt und er hat tatsächlich Fantasy von Earth Wind and Fire rausgehört). Lange Rede kurzer Sinn: Ich habe Florian kontaktiert und ihn nach seinen drei liebsten Plattencovern befragt und ihm gleichzeitig meine drei genannt.

Flo hat erstmal Listen verfasst und Charts erstellt. Danach gings ans Rausstreichen und Abwägen. Selbst danach gabs bei ihm noch Zweifel. bzw. fielen ihm stetig neue ein. Hier aber nun Florians Auswahl:

Das LP Cover Odelay von Beck  Das Design der LP Evil Empire von Rage Against the Machine  Design des Plattencovers von Green Day

1. Odelay von Beck.

„Geht mir seltsamerweise bis heute nicht aus dem Kopf. Auch als diese Email von Dir kam, war mein erster Gedanke dieses Album. Vielleicht, weil Musik und Artwork super zusammenpassen. Beck ist für mich zudem neben den Beastie Boys eine sehr prägende Figur meines allgemeinen Musikgeschmacks Mitte der 90er. Die CD hatte ich damals im WOM gekauft und heute ist sie so kaputt gehört worden von mir, sie springt nur noch. Zum Glück hatte ich sie zu Beginn des MP3 Zeitalters rechtzeitig digitalisiert. Ich mag diese Kombi aus Zottelhund, der irgendwie für mich „Odelay“ förmlich zu bellen scheint und diesem Antifolk, Slacker, Ökourbanem, typisch kalifornischen Weltversteher Beck, der in diesem Album so viel Sampleliebe zwischen den Stones, Bigbeat, Blues und eben Antifolk Elementen mixt. Herrlich. Dünner blasser Hippi HipHop Crossover eben.“

2. Evil Empire von Rage Against the Machine

„Was mir letztens wieder besonders beim Hören in spotify auffiel war das RAGE AGAINST THE MACHINE Album EVIL EMPIRE. Ich weiß noch, wie geflasht ich damals als 16-jähriger war. Die Illustration hat was von dieser (Post)sowjetischen Kunst. Diesen Style mochte ich schon immer. Ich konnte mich damals stark mit dem Motiv identifizieren. Ich war tief in meiner Pupertät, stellte alles in Frage, fing gerade mit dem Graffiti sprühen an, zeichnete viel, verschlang News, war in der Zeitungs AG in der Schule und war über Ungerechtigkeit der westlichen kapitalistischen Welt entsetzt. RATM setzten einfach den Gegenpol, alles passte. Das Cover vermittelt einem Stolz und Zuversicht, der Charakter schaut rotzfrech hinter dem Betrachter vorbei. Vielleicht ist er der Rädelsführer einer Demo und schaut dem Gegner (Polizei, Gesellschaft…?!) in die Augen. Sein Blick sagt: „Nicht mit mir.“ Ich muss dabei an den Refrain von Such a Surge aus deren Album AGORAPHOBIE NOTES und dem Track IDEALE denken  ‚Ihr könnt mich biegen ihr könnt versuchen mich zu brechen. Ihr könnt mir alles nehmen doch eins kann ich euch versprechen: Niemals niemals passe ich in eure Form, eure Norm Und bleib‘ der Dorn in euren Augen.‘ “

3. Dookie von Green Day

„Ebenfalls einer meiner ersten Gedankenblitze. Aber warum? Meine Liebe zu Wimmelbildern von Ali Mitgutsch aus meiner Kindheit kamen hier mit zarten 14 Jahren wohl noch zu tragen. Auch der Bundstiftduktus gefiel mir schon immer. Ich dachte damals: „Mensch, damit kann ich gut bei meinen Eltern provozieren.“ Bundstiftbilder, die aber mit garstigen und gesellschaftskritischen Motiven aufgeladen sind und jede kleine Aussage versteckt sich in der Hülle von Verwimmelungen. So ist auch das ganze Album, pubertär, rotzig, kindisch, verwirrt, verträumt und die Zeichnung hat was von den Zeichnungen, die man selber als Schüler damals an Klotüren und in Lehrbücher doodelte bzw. kritzelte. Das Wort doodeln entstand erst viele Jahre später.“

Eine sehr schöne Auswahl von Florian, die es mir nicht einfach macht. Auch ich muss sagen, dass es wahnsinnig schwer ist, da ich hunderte von guten Covern zeigen könnte, habe mich aber hier auch einmal auf drei beschränkt:

Die Illustration auf der Schallplatte von den Beatles Revolver

Das Jamiroquai Inlay Illustration ist psychodelischDas Inlay von Flight of the Conchords zeigt tolles Design

1. Revolver von The Beatles

Ich glaube ich war um die 13 als ich die Platte das erste Mal gesehen habe. Ich war schon damals sehr begeistert vom Zeichnen, habe fleissig Körperteile aus Malbüchern abgepinselt und wollte „Comiczeichnerin“ werden. Ich weiß noch, dass ich dieses Cover nicht verstanden habe. Ich fand es unglaublich schlecht gezeichnet (Was sind denn das für Augen bitte?) und habe den Mix zwischen Fotografie und Zeichnung nicht kapiert. Heute finde ich das Cover ganz wunderbar, würde es ohne mit der Wimper zu zucken großflächig an die Wand hängen und kann erst jetzt den Wert der Collage und des naiven Stils erkennen, die der Grafiker Klaus Voormann damals gemacht hat. Toll.

2. Emergency on Planet Earth von Jamiroquai

Ein Cover, das ich aus drei Gründen rausgesucht habe: 1. Jamiroquai wird immer und ewig einen Platz auf meinem iPod finden. 2. Ich weiss, dass das Cover einzeln nicht der Knaller ist, aber das typische Jamiroquai Männchen hat sich so ins Hirn gebrannt, wie das Logo der Rolling Stones. Auf beinahe jedem Cover sieht man das Männchen und somit ist es absolut widererkennbar und als Icon sehr stark. Aber das ganz besondere an dem Cover ist nicht das Cover sondern 3. das Inlay: Farbenfroh, psychedelisch und wunderschön illustriert.

3. Flight of the Conchords von Flight of the Conchords

Es ist erschreckend, aber dies ist die letzte CD, die ich mir analog gekauft habe und das vor – Obacht – sechs Jahren! Tatsächlich aber als CD und nicht als Platte. Das Artwork ist phantastisch und komplett durchdacht. Die Illustration zieht sich vom Cover übers Inlay mit einer Stanzung der zwei Musiker bis zur CD selbst. Eine CD/Platte, die man also nicht nur wegen der humorvollen Lieder kaufen sollte.

Man merkt (und da sind uns Florian und ich echt einig): Es ist gar nicht so einfach, die Musik und das Design zu trennen. Vielleicht greifen wir Gestalter öfters im Plattenladen zu den besonderen Farben, den auffälligen Typografien und den schönen Illustrationen, aber sind wir mal ehrlich: Es kommt im Endeffekt ja auf die inneren Werte an, denn was hilft uns ein tolles Äußeres, wenn die Musik dann doch kacke ist?


 

Florian ist Dipl.- Kommunikationsdesign, treibt sich im Rhein Main Gebiet rum und verschönert mit seinem Kollektiv Hanau Radau graue Wände! Danke lieber Florian für deine tolle Auswahl!

Der Designer Florian Luebke

 

UPDATE




Wir freuen uns immer darüber, wenn wir auf unsere Artikel angesprochen werden und diese nachhaltig unsere Leser beeinflussen. So geschehen mit Niklas, Designer und Mitbegründer von Fuchsfox aus Hamburg, der die Idee der drei Cover so schön fand, dass er uns seine drei liebsten LP´s geschickt hat. Das finden wir grossartig und wollen euch diese natürlich nicht vorenthalten:

1. Person Pitch von Panda Bear / Artwork: Agnes Montgomery

Kinder und ihre Eltern mit Tieren im Pool.
Ich war immer schon ein Fan von experimenteller Musik. Und dieses Album war ein Meilenstein, als es dann irgendwann auch in Richtung Pop ging.
Das Cover reizt für mich die Sensibilität der Eltern gegenüber ihren Kindern aus. Und die konfliktreichen Lyrics, wie „Try and have a softer inside / shut up boy and be a solider“ machen das Ganze einfach rund.

Das Cover von Drexiya und panda Bear

2. Journey Of The Deep Sea Dweller I-IV von Drexciya / Artwork: Frankie C. Fultz

Das Design wird ja sowieso gerade generell immer einfacher und klarer. Diese Serie elektronischer Musik kommt aus den Jahren 2011 – 2013, werden für mich aber immer zeitlos sein. Genau wie der Taucher auf dem Cover. Zudem ist die Aufmachung toll: alle vier CD’s erschienen im Buchformat. Die „Buchrücken“ sind blau und ergeben ein Motiv, wenn man alle hat. :)

3. Echoes von Pink Floyd / Artwork: Storm Thorgerson

Fenster in Fenster in Fenster.
Alle Cover Artworks von Pink Floyd sind großartig. Nun habe ich Echoes (Best of) gewählt, welches ich als eher später Pink Floyd Hörer (und trotzdem definitiv kein „Fan“) wohl am meisten gehört habe. Im Nachhinein finde ich andere Alben stärker. Das Cover von Echoes hat aber trotzdem diesen Ehrenaushang verdient. Es funktioniert doppelseitig. Eine Perspektive / zwei Motive.

Das Cover Echoes von Pink Floyd

Danke lieber Niklas!

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