Vor einiger Zeit hat euch Julia mal ein bisschen was von Ihrer Hood erzählt. Die Wohnstadt Carl Legien nämlich, die als eine von sechs Siedlungen der Berliner Moderne zum UNESCO Weltkulturerbe benannt wurde, liegt bei Julia direkt vor der Tür. Und mittendrin? Das Café Eckstern, dem wir des Öfteren mal einen Besuch abstatten.

Das Café Eckstern in der Carl Legien Wohnstadt, mal anders

Das Café scheint irgendwie ein bisschen verloren. So ist man in Berlin doch immer den „Kiez-Trubel“ gewöhnt, in dem sich ein Café ans nächste reiht. Dass um das Café Eckstern aber nur Wohnhäuser liegen und das einzige, nah gelegene Geschäft ein Friseur ist, tut dem Ganzen ganz und gar keinen Abbruch. Im Gegenteil, gut besucht ist es immer. Wahrscheinlich würde man dem Café nicht auf den ersten Blick wirkliche Aufmerksamkeit schenken. Wenn man dann aber drin sitzt und sich mal in Ruhe umschaut fällt einem auf, dass man hier in keinem Falle den stilistischen Einheitsbrei findet. Im Gegenteil! Ein tolles, im Bauhausstil eingerichtetes Juwel. Grund genug, uns mit Riadh Gose, dem Inhaber des Ecksterns, auf einen Kaffee zusammen zu setzen und ein bisschen mehr zu seinem Lokal und dem Interior herauszufinden:

 

Wie bist du dazu gekommen, dein Café hier in der Wohnstadt Carl Legien zu eröffnen?

Ich habe damals zu meiner Frau gesagt, ich möchte was Besonderes machen. Das war mir wichtig. Ein dreiviertel Jahr lang haben wir nach passenden Räumlichkeiten in Berlin gesucht. Der Makler hatte uns Lokale am Hackeschen Markt oder im Simon-Dach-Kiez gezeigt. Aber keins davon hat mich so wirklich fasziniert, sie waren nix Besonderes für mich. Bis ich dann irgendwann auf diesen Laden hier gestossen bin.

Es war eine Aufbackstube, ein wirklich hässlich eingerichteter Laden: Weisse Fliesen, eingezogene Decken, eine lange Lichtleiste, zur Dekoration wurden verschiedene Schriftarten an das Schaufenster geklebt, es lag ein grüner Teppich aus und ein riesiger Coca-Cola Kühlschrank stand vor einer Rigips Wand, von der die Billig-Tapete schon herunterhing. Es gab also keinerlei Konzept in diesem Laden. Dennoch, als ich gesehen habe, dass die Decken nur eingezogen waren und die eingebauten Wände aus Rigips bestanden, wusste ich, aus dem Laden kann man was machen. Viele haben mir davon abgeraten, mir gesagt, ich würde es schwer haben. Aber ich bin dabei geblieben, es ist eine so schöne Gegend und die besondere Location, nach der ich gesucht habe.

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Was hast du anschliessend in dem Lokal verändert und umgebaut?

Im November 2013 haben wir den Raum übernommen und nach einer sechsmonatigen Umbauphase schliesslich eröffnet. 800kg Massiv-Eiche wurde hier eingebaut, den Boden haben wir neu gemacht, die Decken abgerissen, die Stühle besorgt, und und und.

Ein besonderes Highlight: Der obere Teil der Wand. Nachdem wir die Decke nämlich abgerissen und die Tapete entfernt haben, hatten wir Platz für ein schönes Kunstwerk am oberen Teil der Wand. Ich war ursprünglich Kunstlehrer in Lybien und zusammen mit meinem Freund und Bekannten, dem Theatermaler Stefan Schüdlich haben wir überlegt, welches Kunstwerk wir dort kreieren können. Stefan hat mich in der Design- und Konzeptionsphase unterstützt. Für das Kunstwerk wollte Stefan ein üppiges Bild malen, ich eher ein schlichtes. Nach einiger Zeit haben wir uns dann für die goldene Mitte entschieden so wie es jetzt ist (zeigt auf die Wandmalerei). Schon zu meinen Studenten in Lybien habe ich immer gesagt, dass die Kunst nicht etwa darin besteht, dass man ein Bild macht, sondern dass man weiss, wann man damit aufhören soll. Denn ein Bild „tot zu malen“, das geht ganz schnell.

 

Gehen wir einmal ins Detail: Zu deinen Stühlen gibt es eine ganz besondere Geschichte. Was hat es damit auf sich?

Ja genau, die Stühle sind nämlich aus dem Palast der Republik. Wir haben ca. vier Monate nach Stühlen geschaut. Immer wieder haben uns einzelne Stühle gefallen, aber nie gab es die ausreichende Stückzahl. Irgendwann meldete sich eine Freundin aus Japan, die mir einen Link zu den Stühlen, die ich suchte, schickte. Ich habe dann dort angerufen und landete bei einer älteren Dame in einer Jugendherberge in Brandenburg. Sie machte uns ein gutes Angebot und sie war von der Idee, dass die Stühle in einer Bauhaussiedlung ihren Platz finden, total begeistert. Wir haben also einige gekauft.

Das Eckstern in der Carl Legien Siedlung von Bruno TautCookies und Kuchen im Cafe in BerlinWand Malerei vom Kuenstler aus Berlin Riadh Gose ist Gastronom aus Berlin Kaffee trinken im Gruenen in Berlin Prenzlauer Berg

Und sie waren noch so gut in Schuss wie jetzt?

Nein. Sie waren mit einem alten, karierten DDR Stoff bezogen, den wir so nicht verwenden konnten und wollten. Wir haben uns dann nach zahlreichen Alternativen umgeschaut. Schlussendlich habe ich mich für die jetzige Variante entschieden: Dünnes Echtleder und den teuersten Stoff den es unter den verschiedensten Möglichkeiten gab (lacht), aber so ist das nun mal.

 

Und als du dann eröffnet hast?

Am Anfang war es sehr schwer. Mittlerweile läuft der Laden viel besser, aber das braucht natürlich den vollen Einsatz durch mich. Grundsätzlich war ich mit der Ladeneröffnung hier sicher drei bis vier Jahre zu früh. Hätte ich allerdings gewartet, wäre ich zu spät gewesen. Aber ich bin mir sicher, dass sich hier in der Gegend noch Einiges tun wird. Man merkt jetzt schon, dass hier und da ein Laden eröffnet und auch die Menschen, die hier wohnen, immer jünger werden. Die älteren Menschen haben kein besonderes Interesse an einem „stylischen“ Café, wohingegen die jungen Kunden oft bereit sind, etwas mehr für einen guten Kaffee auszugeben und darüberhinaus auch einfach in einem schönen Café gesehen werden möchten. Man merkt, wie sich diese Einstellung ändert – wenn auch langsam.


© Fotos: Newniq

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