„Mensch Julia, das ist doch wie ein Bauhaus-Freilichtmuseum!“ sagte mein Mann, als wir auf der Erich-Weinert-Strasse Richtung Prenzlauerallee in Berlin spazierten. Ich gebe zu, die Schönheit der Wohnstadt Carl Legien erschloss sich mir nicht sofort, viel mehr interessierte ich mich für das wunderbare Café an der Ecke eines dieser Häuser, aber dazu später mehr. Da mein Weg ins Newniq Office dann aber doch jeden Tag an der Wohnanlage vorbeiführt, hatte ich dann doch das Bedürfnis mehr zu erfahren. Ich wollte wissen, wann alles erbaut wurde. Ob man eigentlich diesen Carl Legien kennen muss, um sich beim nächsten Fachgespräch über Berliner Architektur nicht zu blamieren. IMG_9928 IMG_9921  IMG_9930IMG_9906  IMG_9916

Wer war Carl Legien?

Carl Legien kann man kennen, muss es aber meiner Meinung nach nicht unbedingt, es sei denn man interessiert sich brennend für den Präsidenten des Internationalen Gewerkschaftsbundes im Jahre 1913. Viel wichtiger als der Namensgeber der Wohnstadt Carl Legien sind meiner Meinung nach eher die Bauten selbst und die Planer Bruno Taut und Franz Hillinger.

Bruno Taut wiederum ist mir ein Begriff. Geboren am 4. Mai 1880 in Königsberg und gestorben am 24. Dezember 1938 in Istanbul, war er ein deutscher Architekt und Stadtplaner. Berühmt wurde er als Vertreter des Neuen Bauens und erlangte vor allem durch die Hufeisensiedlung in Berlin-Britz (ja, es gibt tatsächlich eine Wohnsiedlung, die wie ein Hufeisen aussieht und nicht in Disneyland steht. Verrückt.) und Berlin-Zehlendorf (Onkel Toms Hütte) Ruhm und Ehre. Die Nazis beschimpften ihm als „Kulturbolschewisten“ und entzogen ihm die Professur und die Mitgliedschaft an der Akademie der Künste, was Taut dazu veranlasste Deutschland zu verlassen.

IMG_9925IMG_9931

Platte oder Weltkulturerbe?

Die Bauten selbst, die ich als Architekturbanause erstmal als vermeintliche  „Platte“ abgestempelt habe, sind dann doch viel mehr. Die Wohnstadt Carl Legien ist eine Großsiedlung, die in den Jahren 1928 bis 1930 gewerkschaftlich-genossenschaftlich errichtet wurde. Seit 1977 stehen die Gebäude unter Denkmalschutz. Seit 1994 wurde mit der denkmalgerechten Sanierung begonnen und die originalen Putz- und Farbfassungen wurden wiederhergestellt. Back to the roots quasi. Last but not least, und dann höre ich auch mit all den Fakten auf, wurde die Wohnstadt 2008 als eine von sechs Siedlungen der Berliner Moderne in die UNESCO-Liste des Weltkulturerbes aufgenommen. Für mich die Legitimation mit Stolz zu behaupten, ich wohne nahe eines Weltkulturerbes. So wie an den Pforten von Schloss Versailles oder auch am Fuße der Akropolis, was sich wesentlich spannender anhört als „im Norden des Prenzlauer Bergs“.

IMG_9909   IMG_9932     IMG_9918

Was den Aufenthalt definitiv zum längeren Verweilen anregt, ist das ganz bezaubernde Café Eckstern. Die Inneneinrichtung ist perfekt auf die Szenerie abgestimmt. Kunst an den Wänden, die Möbel ausgewählt aber nicht aufdringlich, wie der Bauhaus eben auch. Zu Essen gibt es belegte Bagels mit Avocado und Sprossen, Müsli in Weckgläsern und phantastischen Kaffee. Der Besitzer, früherer Kunstlehrer und Restaurantbesitzer, erklärt gerne die Unterschiede zwischen dem „Großstadtkaffee“ und dem „Organic Coffee“. Währendessen bestellte ein Stammkunde „wie immer“. Als Nahrungsmittel-liebendes Wesen bestelle ich Bagel, Croissant und Kaffee. Und ertappe mich: Die Berliner Hipness hat mich wieder gepackt und so wird das nicht der letzte super milde Coffee to go in Richtung Büro sein. Begleitet wird der Weg vom Gedanken: „Ok, dann eben keine Platte, aber eben auch kein Altbau!“

Author

Write A Comment