„Liebste Newniqs. Wisst ihr noch damals, als wir uns strunzhacke auf dem roten Teppich trafen und voll professionell Businesskarten austauschten? Im nächsten Buch kriegt diese Story ein eigenes Kapitel. Versprochen. Alles Liebe Jule Müller“ steht auf der ersten Seite des Buches, das wir gerade aus dem Briefkasten holen. Wir bedanken uns per Mail, bekommen nette, hektische Zeilen zurück und verabschieden Jule erstmal auf ihre Promotour für ihr erstes Buch, um uns ganz in Ruhe mit ihrem Werk zu befassen.

Jule Müller, 32 lebt in Berlin-Neukölln und führt unsere Generation mit ihrem Buch zurück in die 90er und 00er Jahre. In eine Zeit, in der man schlechten Wein getrunken, zu viel Zigaretten geraucht und die große Welt dieses mysteriösen Internets kennengelernt hat. In eine Zeit in der Jule über das Überleben in ihren Zwanzigern spricht, eine Zeit in der sie sich wieder „jugendliche Haut wünschte und Akne bekam“. Und auch wenn wir nicht jede Geschichte eins zu eins so erlebt haben, haben wir doch gefühlt wie es war, denn man hat ähnliche Geschichten erlebt, weiß wie man sich beim ersten Auslandsaufenthalt gefühlt hat und wie es ist, wenn einem das Herz in tausend Stücke zerbricht. Und so haben wir uns Jule nach ihrer ersten aufregenden Zeit als richtige Autorin einmal ausgequetscht:

 

Liebe Jule, vielen Dank für die schönen Stunden, die wir mit deinem Buch verbringen durften. Erzähl uns doch kurz, was sich seit Erscheinen deines Buchs so alles getan hat. Erzähle uns doch ein wenig von deiner Lesetour! Gab es unvorhergesehene Geschehnisse oder lief alles super seriös ab?

Die Lesetour bestand aus fünf Terminen, war also echt überschaubar. Es war das Schönste. Und das Schlimmste. Wahnsinn, wie viele Emotionen man dabei durchläuft. Ich habe mir ständig abwechselnd vor Angst und dann vor Freude eingepinkelt. Gut war, dass ich mein großes Idol Linus Volkmann neben mir sitzen hatte, der als eine Art hochwertiger Moderator und Händchenhalter fungierte. Mit dem Mann eine Bühne zu teilen, war schon immer mein Traum gewesen und macht mich nachhaltig dankbar.

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Außerdem saß in Berlin meine Mutter im Publikum – mit einem T-Shirt, auf den sie den Titel des Buches hatte drucken lassen. Respekt. Ansonsten hatte ich das mit der Aufmerksamkeit für meine Person etwas unterschätzt. Das scheint nicht so meins zu sein. Ich fühle mich wohler hinter der Kamera oder dem Laptop. Auch schon wieder nerdy. Mich haben vor allem die Bilder berührt, die Fremde, Freunde, Hunde, Babies, Hände und Echtholztische mit meinem Buch zeigen – die hab ich heimlich alle gesammelt, weil es echt absurd ist.

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„Ich kann ganz schnell rausfinden, wer den Weltrekord im Holzhobeln hält“

 

Du bist nun 32, hast also deine Zwanziger eindeutig überlebt. Wie würden die letzten 2 Jahre in wenigen Zeilen so lauten?

Das ist leicht. Dafür brauche ich nur zwei Worte: im gegenteil. Ich habe meinen festen Agenturjob aufgegeben und mich für das Verkuppel-Baby selbstständig gemacht. Und während ich den Plan hatte, hauptsächlich mit Mojitos im Park abzuhängen, habe ich noch nie so viel gearbeitet wie in den letzten zwei Jahren. Aber es gibt wahnsinnig viel zurück, ich habe wundervolle Menschen kennenlernen und echt gute Orte besuchen dürfen. Außerdem habe ich dieses besagte Buch geschrieben, was sich leider nicht ganz so nebenbei abhaken ließ, wie erhofft.

 

Du schreibst in deinem Buch über unsere Generation, die nicht Kopfrechnen und keine Kommas setzen kann. Schlimm genug. Ist die nächste Generation eigentlich in deinen Augen noch lebensfähig?

Ja logo. Die machen das besser als wir. Oder anders. Gut, vielleicht brauchen die noch ein paar Jahre, aber ich bin sehr zuversichtlich, dass sich der von ganz alleine Internetkonsum regulieren wird und die Menschen sich zurück auf Öllampe und Schriftrolle besinnen. Außerdem kann ich zwar, keine, Kommas, setzen, aber dafür andere Dinge. Zum Beispiel ganz schnell rausfinden, wer den Weltrekord im Holzhobeln hält und mir sehr viele Menschen auf Instagram merken. Ist auch praktisch. Die Leute hacken zu viel auf unserer Generation rum, wir sind schon voll okay.

 

In deinem Buch schreibst du über verschiedene Exfreunde und Affären. Hat sich einer von ihnen nach der Buchveröffentlichung mal wieder bei dir gemeldet? Und wenn ja, was haben sie zu ihrer Figur im Buch gesagt?

Der eine Exfreund ist Engländer und des Deutschen nicht mächtig. Zum Glück. Von dem anderen erwarte ich jeden Tag eine einstweilige Verfügung, kam aber noch nichts. Das heißt, er hat es entweder nicht mitbekommen oder hasst mich im Stillen. Selbstverständlich habe ich die Persönlichkeitsrechte gewahrt, ich bin ja nicht lebensmüde. Der Rest der Personen war vorher informiert. Ich habe mich allerdings geweigert, irgendwem tatsächliche Textpassagen zu schicken. Wenn man damit anfängt, dann braucht man wahrscheinlich noch mal ein Jahr, um die Änderungswünsche einzubauen. Mein Buch, meine Wahrheit.

 

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Bleiben wir doch kurz bei der Liebe. Du hast mit deiner Freundin Anni die tolle Singleseite „im gegenteil“ ins Leben gerufen. Wie sexy ist für dich die Berliner Startupszene?

Ehrlich gesagt komme ich mit dieser Szene nicht so wirklich in Berührung. Wir treffen zwar immer mal wieder Leute, die irgendwas mit Medien, Bloggen, Geld, Entwicklung zu tun haben, um uns auszutauschen, aber so richtig blicke ich da nicht durch.  Ich bevorzuge es eindeutig, Männer fernab der Arbeit kennenzulernen, obwohl ich es natürlich bewundere, wenn Typen beruflich was gerissen haben.

 

Und jetzt mal Hand aufs Herz: Hast du dich schon mal in einen eurer Singles verguckt?

Ja, voll. Wir waren dann ein halbes Jahr zusammen. Es war aber eine Fernbeziehung und hat alles doch nicht so gut funktioniert. Schade drum, aber passiert.

 

Kommen wir zu guterletzt noch einmal auf Berlin zu sprechen: Wie sieht ein typisches Wochenende mit Jule Müller aus? Türkenmarkt-Kuchen-Tatort oder lieber Kudamm-Museumsinsel-Aperolspritz?

Ich wünschte, ich könnte hier eine fancy Antwort geben. Ich verbringe zwar gerne Zeit mit Freunden, bin aber wirklich kein Foodmarket-Shopping-Museums-Freelatics-Disko-Typ. Ab und zu mal in ne Bar oder über den Flughafen Tempelhof schleichen, damit bin ich zufrieden. Den Rest der Zeit arbeite ich eh. Und dann habe ich am Wochenende, wenn ich denn mal einen Tag frei habe, Bock auf rumliegen – bei mir, bei Freunden, von mir aus auch auf einem Rasen, aber bloß nicht zu viel Action.

 


 

Danke für das schöne Interview liebe Jule. Weiter viel Erfolg mit dem Buch und eurer Seite. Wird sicher alles bombig laufen.

 

© Fotos: Saskia Bauermeister – saskiabauermeister.com / Andreas Bohlender – cargocollective.com/andreasbohlender

 

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